Statement
Jeder Mensch ist ein Künstler (Joseph Beuys)
Jeder Künstler ist ein Mensch (Martin Kippenberger)
Die Kunst ist da, wenn sie da ist (Jonathan Meese)


Der Mensch ist das Tier, das spricht – „Brigade Commerz“, das neue Audio-Arts-Archiv, wird geleitet von der beunruhigenden Intensität des gesprochenen Wortes. Nicht nur allein mehr der Dialog, sondern der inszenierte Monolog ist die innovative Form, diese vom Künstler als Menschen ausgehende Energie einzufangen. In einer vom Visuellen dominierten Kultur, behauptet sich das Hören als eine Domäne des Eindringlichen, oft Verstörenden, der höchsten Verführbarkeit! Man leiht den Dingen sein Ohr: Im akustischen Medium, in der Weltoffenheit des Hörens – durch die feinsten Antennen seiner Haarzellen – kann das Unsichtbare, für das Auge verlorene (aber auch Unheimliche, Andere, Fremde) wieder wahr werden. Das Innere, Verborgene, jenseits der Erscheinung, des Phänotypus, wird sinnfällig.

Als sich Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in Amerika eine neue, an Ideen und Sprache orientierte Ausdruckweise in der Kunst entwickelte, begannen Aufnahmepioniere wie William Furlong und Barry Barker eine Vielzahl von Tonmaterial – Gespräche, Performances, Musik etc. – aufzuzeichnen. Dieses erste Archiv wurde von einer technischen Innovation, der Erfindung der Audio-Kassette, und einer politischen Utopie, der Idee der Sozialen Plastik, geleitet: Künstler und die Kunst als kreatives Netzwerk von weit reichender gesellschaftlicher
Bedeutung.

Martin Kippenberger hat mit einer Vielzahl strategischer Gesten schon in den 80er dieses utopische Modell einer Künstlergemeinschaft in Frage gestellt. Was oberflächlich wie ein billiger Witz daherkam und Kippenberger wie einen Kunstclown aussehen ließ, erscheint heute vielen jungen Künstlern als Alternative und Ausweg aus den gesellschaftskritischen Positionen der vorherigen Generation. Jonathan Meeses Vorstellung von Kunst als „Hermetische Revolution“ und einer menschenfreien „Diktatur der Kunst“ mag der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung einer Abwertung des Künstlers sein.

„Brigade Commerz – Audio Arts Archives“ ist die zeitgenössische Form eines Tonarchivs an der Grenze zur visuellen Kultur, ein Portal für Künstlerstimmen, das die Möglichkeiten der digitalen Technik und des World Wide Web nutzt. Der Tontechniker als schöpferischer Mensch, wie ihn noch Furlong verstand, weicht dem Arbeiter im Dienst der Sache, dem Brigadier. Die „Brigade“ mit ihrer militärischen, planwirtschaftlichen Dimension, im Widerspruch zum „Commerz“, als eine Anspielung auf Schwitters Begriff des Merzens, aber auch auf die profitorientierte Warenwelt, betonen die Heterogenität des Archivs, das Bekenntnis zu Vieldeutigkeit und Unfertigkeit.

Die von der Stimme des Künstlers – Tonlage, Rhythmus, Dialekt – eröffnete Hörraum, schafft ein ganz eigenes Medium, eine andere Ausdrucksform, welche das „Werk“ auf vielleicht überraschende Weise komplettieren kann.

„Die Aufzeichnungen des nicht vorhandenen Wesens berühren mich, wie die zeitverzögerten Strahlen eines entfernten Sterns“, hat Susan Sontag einmal geschrieben oder in den Worten von Roland Barthes: die Tonaufnahme besitzt Ausstrahlung, eine transformierte Energie, die sie von der Quelle als Spur bewahrt...
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